im Atelier Liebermann: Leiko Ikemura

11. April-27. Mai 2018

Als Kulturstiftung der Berliner Sparkasse widmet sich die Stiftung Brandenburger Tor mit einem ihrer Schwerpunkte dem Andenken an Max Liebermann und der Auseinandersetzung mit seiner Zeit. Mit der im Jahr 2017 gestarteten Reihe im Atelier Liebermann öffnet sie sich der Gegenwartskunst und knüpft an die gestalterische Kraft an, die für lange Zeit von diesem Haus ausging: Max Liebermann wohnte seit 1892 mit seiner Familie in seinem Elternhaus am Pariser Platz und ließ sich über seiner Wohnung im zweiten Stock ein Atelier errichten. Das Atelier mit seinem prominenten Glasaufbau zur Tiergartenseite des Hauses war im Gegensatz zu den kostbar inszenierten Ateliers der Künstlerfürsten Lenbach und Stuck nur sparsam mit eigenen Werken und denen geschätzter Vorbilder möbliert. Hoch oben, neben dem Brandenburger Tor und über dem Pariser Platz, signalisierte das Atelier weithin sichtbar: Hier lebt und arbeitet Max Liebermann. Zahlreiche Gäste aus ganz Europa gingen hier ein und aus. Und es war jener Ort, an dem Max Liebermann seine zentralen bildnerischen Werke schuf. Atelier und Haus wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Die in Japan geborene Schweizer Künstlerin Leiko Ikemura begann nach dem Studium der spanischen Literatur in Osaka und Spanien 1972 in einem Bildhaueratelier, plastisch zu arbeiten. Ihre künstlerische Ausbildung vertiefte sie im Studium der Malerei an der Escuela Superior de Bellas Artes de Santa Isabel de Hungria (später Teil der Universidad de Sevilla). Nach dem Abschluss 1979 siedelte sie für einige Jahre nach Zürich über. Von 1983-84 lebte Ikemura als Stadtzeichnerin in Nürnberg. 1985 verlegte sie schließlich ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Köln. 1991 folgte Ikemura ihrer Berufung als Professorin für Malerei an die Hochschule der Künste Berlin (heute die Universität der Künste) und war dort bis ins Jahr 2015 tätig. Seither lebt sie in Berlin und Köln.

Leiko Ikemura arbeitet in einer Vielzahl an Medien, vorzugsweise Malerei, Skulptur und Zeichnung, aber auch Installation, Fotografie und Literatur. Sie versteht sich als Grenzgängerin zwischen japanischer und okzidentaler Kunst; die Charakteristika dieser Prägungen vereint Ikemura auf ihre ganz eigene Art und Weise. In den 1980er Jahren in die Nähe der Neuen Wilden gerückt, entwickelte die Künstlerin eine selbständige Bildsprache und Motive. So finden sich immer wieder Hybridwesen zwischen Mensch, Tier und Pflanze in ihrem Œuvre. Ab den 1990er Jahren dominieren liegende, fliegende und träumende Mädchenfiguren Leinwand und Skulptur. Seit einiger Zeit befasst sich die Künstlerin verstärkt mit dem Raum-Bild als Motiv, mal in abstrakt anmutenden Darstellungen von Himmel und Meer, mal in Traum- oder Seelen-Landschaften, welche sie kosmische Landschaften nennt. Von Beginn ihrer Arbeit als Künstlerin an sind die menschliche Figur und insbesondere ihr Antlitz ein zentrales Thema, besonders in Aquarellen, Pastellen und Blei- wie Farbstiftzeichnungen. Oftmals stellt Ikemura die Körper, Physiognomien, Haltungen und Emotionen ihrer Figuren reduziert dar, mithilfe von Abstraktion sind diese auf das Wesentliche heruntergebrochen. Auf diese Weise übersetzt sie auch klassische Porträts der Kunstgeschichte.

Für das Erdgeschoss der Ausstellung im Atelier Liebermann hat Leiko Ikemura eine experimentelle Installation konzipiert. Es geht um eine Auseinandersetzung von Malerei mit dokumentarischen Filmen der Künstlerin, die den Entstehungsprozess ihrer Werke dokumentieren. Im großen Raum werden die neuesten kosmischen Landschaften in einer ein Studio andeutenden Installation präsentiert, während in den kleineren Räumen des Erdgeschosses Papierarbeiten gezeigt werden, die sich mit dem menschlichen Antlitz auseinandersetzen und in Verbindung zu Landschaftsgemälden der jüngeren Zeit stehen.

Leiko Ikemura, Colonia, 2014
Leiko Ikemura, Colonia, 2014
Leiko Ikemura, Colonia, 2014
Leiko Ikemura, Genesis II, 2014
Leiko Ikemura, Genesis II, 2014
Leiko Ikemura, Genesis, 2014
Leiko Ikemura, Genesis, 2014
Leiko Ikemura, Haruko, 2016
Leiko Ikemura, Haruko, 2016
Leiko Ikemura, Colonia, 2014 Leiko Ikemura, Genesis II, 2014 Leiko Ikemura, Genesis, 2014 Leiko Ikemura, Haruko, 2016

Leiko Ikemura im Dialog mit Donata und Wim Wenders im Atelier Liebermann

Auf Einladung von Leiko Ikemura erweitern Donata Wenders und Wim Wenders die Ausstellung mit filmischen und fotografischen Arbeiten. Mit beiden pflegt die Künstlerin seit Jahren eine besondere Verbindung, und die Affinität zu Japan und zur japanischen Kultur bildet den gemeinsamen und verbindenden Horizont. Seit Langem ist die filmische Bildsprache und Poesie von Wim Wenders für Ikemura eine besondere Inspirationsquelle. So werden in der oberen Etage Fotografien und Filmausschnitte des Regisseurs und Fotografen sowie Texte präsentiert, die Ikemuras Arbeiten berühren. Dazu gehört insbesondere der letzte Film Die schönen Tage von Aranjuez als Reflexion über Malerei. Donata Wenders, deren fotografische Arbeit Leiko Ikemura sehr schätzt, wird in der Ausstellung Fotografien zeigen, die zwischen beiden Künstlerinnen während gemeinsamer Atelierarbeiten entstanden sind. Die Serie reflektiert, über ein reines Porträtieren hinausgehend, auch Malerei im Sinne des Bildermachens.

Donata Wenders (geb. 1965) studierte von 1984-1989 Film und Theater in Berlin und Stuttgart. Anschließend arbeitete sie viele Jahre als Kameraassistentin und drehte selbst als Kamerafrau Spiel- und Dokumentarfilme. Seit 1995 ist sie ausschließlich als Fotografin tätig. Ihre Werke sind international in Museen und Galerien zu sehen.

Ihre Fotografien erscheinen in internationalen Zeitungen und Zeitschriften wie The New York TimesVogueW, Deutsch, The Rolling Stone, Kult, Esquire, Pen, Egoistè, Let’ s Panic und Blau und prägen CD-Cover von Bono, Jon Hassell, Sam Phillips, BAP, ZweiRaumWohnung und Die Toten Hosen. 2006 erschien Donata Wenders‘ Bildband Islands of Silence. Gemeinsam mit ihrem Mann Wim Wenders hat sie einige Bücher veröffentlicht, wie PINA – Der Film und die TänzerDon’t Come Knocking und The Buena Vista Social Club.

Wim Wenders (geb. 1945) ist als einer der Vorreiter des Neuen Deutschen Films der 1970er Jahre international bekannt geworden und gilt als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Kinos der Gegenwart. Neben vielfach preisgekrönten Spielfilmen wie Der Amerikanische Freund (1977), Paris, Texas (1984),  Der Himmel über Berlin (1987) wurden alle seine jüngsten Dokumentarfilme, Buena Vista Social Club (1999), Pina (2011) und Das Salz der Erde (2014), für einen Oscar nominiert. Während der Berlinale 2015 wurde Wenders mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent, Photograph und Autor geehrt.

Seit 1986 werden Wenders‘ Fotografien in Museen und Galerien auf der ganzen Welt ausgestellt; eine umfangreiche Retrospektive war 2015 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.

Projektbeschreibung

Im wieder aufgebauten Max Liebermann Haus erinnert die Ausstellungsreihe im Atelier Liebermann an das berühmte Dachatelier Max Liebermanns. Zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen erlauben zwei Mal pro Jahr einen Blick in das ansonsten für das breite Publikum verschlossene Atelier und rücken damit den künstlerischen Entstehungsprozess in den Mittelpunkt. 2017 wurden Daniel Richter/Jack Bilbo und Wolfang Petrick gezeigt. Im Frühjahr 2018 folgt Leiko Ikemura. Die Reihe wird vom Beirat Prof. Dr. Wulf Herzogenrath betreut. Die einzelnen Ausstellungen kuratieren die Künstler gemeinsam mit dem Ausstellungsteam der Stiftung.

Kurator der Reihe
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath
Beirat der Stiftung Brandenburger Tor

Ansprechpartnerinnen
Dr. Barbara Nierhoff-Wielk

Dr. Evelyn Wöldicke