»Stadt heißt für mich Offenheit gegenüber anderen«

Übersetzung aus dem Arabischen: Günther Orth

Seit 2018 vergibt die Stiftung Brandenburger Tor gemeinsam mit der benachbarten Allianz Kulturstiftung das Stipendium Torschreiber am Pariser Platz für Schriftsteller*innen im Exil. Diesjähriger Preisträger ist der 1987 in Saudi-Arabien geborene Jemenit Galal Alahmadi. Als Journalist und Redakteur arbeitete er für verschiedene arabische Zeitungen und Magazine, heute ist er vor allem als Schriftsteller tätig und veröffentlichte bisher vier Gedichtbände auf Arabisch. Seit März 2016 lebt Galal Alahmadi mit seiner Familie im Exil in Deutschland. Im Rahmen des Stipendiums Torschreiber am Pariser Platz arbeitet er an seinem ersten Roman. Mit uns spricht der Autor über seine Vorliebe für Stadtleben und den Einfluss von Stadt auf Literatur:

Sind Sie ein Stadt- oder Landmensch?

Ich persönlich lebe lieber in der Stadt. Stadt heißt für mich Offenheit gegenüber anderen und die Freiheit zu sagen, was man möchte. Das Dorf meines Vaters liegt auf 1200 Metern über dem Meer und vom Fenster des Hauses aus sieht man die Wolken von oben. Dort hat sich das Leben bis heute kaum verändert. Es gibt keinen Supermarkt und kein Café, und kein Fremder kommt vorbei. In meinem Dorf könnte ich zwar Texte und Gedichte schreiben, aber kein Verlag würde sie drucken, die Presse würde sie verreißen und die Politiker und die Kleriker würden mich verteufeln. Ich könnte nur am Fenster sitzen, Tee trinken und meine Hand in die Wolken tauchen.

Wem gehört die Stadt?

Städte gehören niemandem. Sie öffnen ihre Arme jedem, der arbeiten will oder sonst etwas zu bieten hat. Oder auch Fremden, die in ihrem Land nicht bleiben können oder wollen. Eine Stadt, die dies nicht tut, wird vergehen – die Geschichte hat es gezeigt.

Wie sieht die ideale Stadt für Sie aus?

Weder wie Platon noch wie Aristoteles sie sich dachten, und auch nicht wie bei Ibn Khaldun oder al-Farabi. Jeder von uns stellt sie sich anders vor – Milliarden idealer Städte nisten in den Köpfen der Erdenbewohner. Aber ganz ohne Utopien und Dystopien: Immer wenn ich mich abends neben meiner Frau und unserer Tochter Eve ausstrecke, stelle ich mir vor, dass eine hochauflösende Kamera uns drei von einem Stern aus filmt. Alle anderen Häuser in der Stadt sind dunkel, außer ein paar, in denen gute Freunde von uns wohnen. Denn nicht Steine und Zement machen eine Stadt, sondern Menschen, die sich lieben und die anderen Hoffnung geben. Jeder von ihnen ist eine ideale Stadt.

Inwieweit spielt das Thema Stadt in Ihrer literarischen Arbeit eine Rolle?

Orte sind ein grundlegendes literarisches Thema und oft werden sie nostalgisch behandelt. In meinen Texten spreche ich aber von keinen Städten oder allenfalls symbolisch. Orte sind für mich immer etwas Vorübergehendes oder Enges – eine Parkbank, ein Platz im Bus, ein Tisch im Restaurant, ein Bett in einem kleinen Zimmer, eine schmale Gasse, eine Bar in einer verlassenen Straße …

Ich habe immer in Städten gelebt, aber meine Texte sind von Wildheit geprägt. Sie sprechen von Tieren, Sagen und rastlosen Menschen. Die Stadt hat gleichwohl meine Sprache und mein Denken geprägt und mich rebellisch gemacht. Und sie hat in mir den Wunsch nach Reisen in die Ferne geweckt, um Welten zu entdecken und um der Realität und meiner Herkunft zu entkommen.

Wie wirkt sich Stadt auf Sprache aus?

In jeder Weise. Durch die Kreise, in denen man sich bewegt, und durch die städtische Lebensart. Die Einflüsse der Stadt bieten einem Autor immer neue Perspektiven. Wie eine Biene sammelt man Nektar, indem man von Blüte zu Blüte fliegt, und macht daraus den bestmöglichen Honig.

In der Stadt steht das Leben nicht still, nicht bei Dunkelheit und nicht bei Schneesturm. Und das Wort findet ein Echo, ein Bild und eine Bedeutung, je nach Kultur und Referenzbezug der Rezipienten. Auch das Fernsehen und das Internet verändert unsere Wahrnehmung von Texten. Ein Text, den ich auf dem Bildschirm lese, wirkt auf mich anders als ein Text in einem Buch.

Ich bin auch deswegen der, der ich bin, weil ich von einer Stadt zur anderen gezogen bin – von Saudi-Arabien nach Jemen, nach Jordanien und Libanon, und schließlich hierher. Vielleicht erklärt dies auch meine vielen widersprüchlichen Ideen. Ich bin kein Roboter und meine Sprache unterliegt den Einflüssen meines Lebensstils und des Umgangs mit anderen und mir selbst.

Sie planen die Gründung einer Stiftung zur Förderung der Jemenitischen Kultur. Wie kam es zu dieser Idee?

Der Mensch sei ein ziviles Wesen, sagt Ibn Khaldun, und er kann nicht ganz ohne Menschen gleicher Herkunft leben. Kommunikation und Gemeinschaft sind ein menschlicher Instinkt.

Mich haben Einsamkeit und Nostalgie dazu bewogen, diese Stiftung zu gründen, sowie die Sehnsucht nach den Gerüchen, Farben und Geräuschen des Jemen. Außerdem möchte ich anderen ein wenig von dem Ort und den Menschen vermitteln, die ich hinter mir gelassen habe.

Samah Alshaghdary, eine Autorin und Aktivistin aus dem Jemen, die wie ich seit kurzem in Deutschland lebt, traf ich zufällig im Berliner Haus für Poesie. Wir hatten uns jahrelang nicht gesehen und teilen nun dieselben Sorgen und Ideen, dieselbe Wut und dieselben Träume. Wir wollten unbedingt etwas tun und ein wenig von unseren Erinnerungen mit anderen teilen. Usama [Nachname?)], ein Dichter aus dem Jemen, stieß auch dazu, langsam wurden wir mehr und ermutigten uns gegenseitig. Dabei half unser Eindruck, dass die Deutschen neugierig auf alles Unterschiedliche und Originelle sind.

Die Finanzierung der Stiftung ist ebenso ein Problem wie die Sprache, und die ersten Schritte sind immer die schwersten. Aber wir glauben, dass wir in ein paar Jahren erreichen können, was wir möchten. Wir möchten eine Brücke der Verständigung sein, das sind wir unserer Vergangenheit und unserer Zukunft schuldig.

 

Torschreiber am Pariser Platz: Ein Zeichen für Freiheit und Sicherheit

Berlin soll ein Ort der Zuflucht und Sicherheit für bedrohte und verfolgte Schriftsteller*innen sein. Hierfür setzt die Stiftung Brandenburger Tor ein Zeichen und fördert gemeinsam mit der Allianz Kulturstiftung Schriftsteller*innen, die im Exil in Deutschland leben, weil sie in ihren Heimatländern bedroht oder verfolgt wurden. Mit ihrem Stipendium Torschreiber am Pariser Platz möchten die Kooperationspartner auch an das Schicksal der verfolgten deutschen Künstler*innen in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern, die in anderen Ländern Zuflucht fanden. Ihr Schicksal und Werk sind nicht vergessen.